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Stehvermögen

23/01/2020 - 21/03/2020

Stehvermögen

David Meran. STEHVERMÖGEN

„Das Leben war so natürlich, hart und ‚echt‘, daß einem alles Künstliche als die große Ausnahme und als artifizielle Sensation naheging.“

Aus: Alois Brandstetter, Vom Schnee der vergangenen Jahre, Residenz Verlag 1979

Glas, Sand, Beton, Gips, Metall, Fell, Gummi, Seil und Proteinpulver. Hart, weich, elastisch, körnig, kristallin, filigran und spröde. Wann verstehen wir Materialien als Kunst?

Der Künstler David Meran bringt diese unterschiedlichen Werkstoffe und Substanzen in ungewohnten Kontexten – gegossen, installiert, modifiziert – in eine minimalistische Form.

Artifizielle Sensationen zu fertigen, um in den einleitenden Worten des österreichischen Schriftstellers Alois Brandstetter weiterzudenken, ist Merans Anliegen. Brandstetter bezieht sich in diesem Zitat auf Kindheitserinnerungen von Plastik und Gegenständen aus selbigem Material, die damals Einzug in den Alltagsgebrauch fanden.

David Meran fragt sich, was Skulptur 2020 kann. Er formt und benutzt Materialien wie auch Inhalte, die gesellschaftlich stark aufgeladen sind. Geschichten, Kontexte und Erzählungen stehen in seiner Skulptur und Kunst zur Disposition.

Das Ermöglichen eines unmittelbaren haptischen Erlebens am Kunstobjekt, das durch eben dieses gleichzeitig hinterfragt wird, steht im Vordergrund der Ausstellung. Denn das physische Vorhandensein von Objekten in einer Welt, die scheinbar immer digitalisierter wird, erscheint dem Künstler umso mehr betrachtungswürdig – kann doch die Aufgabe, über Screens und Bildschirme zu streichen oder eine Maus über ein Mousepad zu führen eigentlich nicht erfüllend sein.

In seiner Salzburger Einzelausstellung Stehvermögenwidmet sich der in Wien lebende Künstler Fragen nach gesellschaftlichen Codes und Konventionen der boomenden Fitnessindustrie. Fitness sowie körperliche und kosmetische Optimierung sind omnipräsent und werden beinahe wie religiöse Kulte zelebriert. Ist das eigene Wohlbefinden in all seinen Facetten das zentrale Ziel der heutigen (westlichen) Gesellschaft? Die Metapher des „Hamsters im Hamsterrad“ wurde erfolgreich in unsere Köpfe gepflanzt. Das neoliberalistische Konzept, dass alles erreicht werden kann, solange das Individuum nur fit, aktiv und gesund ist, wird sowohl politisch als auch wirtschaftlich ausgeschlachtet und spielt mit den defizitären Zuständen des Menschen. Meran übersetzt Selbstoptimierung, Leistungsdruck und die Ästhetik der Fitnessindustrie ironisch in die Sprache der Kunst.

Ein zentrales Werk der Ausstellung ist die Arbeit Yoga in mineral oil (2020), eine Yogamatte aus Kupfer, die sowohl Bestandteil des Videos Yoga in mineral oil (2020) ist wie auch als Artefakt und eigenständiges Werk präsentiert wird. David Merans Affinität zur Kombination von gesellschaftskritischen Inhalten und Materialien wird hier verdeutlicht. Yoga gehört in unserer Gesellschaft mittlerweile zu den Standardwohlfühlaktivitäten, die allen verspricht, sie von Krankheit und Ärger zu befreien und glücklich zu machen.

Was den wenigsten von uns bewusst ist: Die meisten käuflich erworbenen Yogamatten werden in China hergestellt und bestehen zum größten Teil aus Erdöl und anderen nicht abbaubaren Materialien. Nachhaltigkeit, Langlebigkeit und Umweltfreundlichkeit sind Schlagwörter, die in diesem Bereich also selten bedacht oder sogar negiert werden, jedoch einen wichtigen Aspekt in Merans Kunstschaffen bilden. Yoga in mineral oil ist aus leicht biegbarem Kupfer gefertigt. Das Material fasziniert ihn, da es ein Eigenleben annimmt, mit der Zeit zu arbeiten beginnt und eine andere Farb- beziehungsweise Oberflächenwirkung entwickelt.

In seinem Kunstvideo Yoga in mineral oil füllt der Künstler die „Kupfermatte“ mit Öl und schwarzem Lack und übt den sogenannten Sonnengruß, die bekannteste Bewegungsabfolge im Yoga. Die schwarze Flüssigkeit steht sinnbildlich für Erdöl. Die Videoperformance soll grenzwertig wirken – irritieren. Niemand würde sich selbst, die eigene Gesundheit gefährden und in einer Wanne voll Erdöl respektive einem Farb-Lack-Gemisch Yoga praktizieren. Das Öl bildet sich auf dem Körper ab und überzieht diesen mehr und mehr. Ergänzend zu seinen Skulpturen wird in dem Video das Körpervolumen des Künstlers durch die klebende und beißende Flüssigkeit verdrängt und wieder aufgefüllt. Die zwei Stoffe bieten Meran ein spannendes Experimentierfeld. Durch den Druck des Körpers stoßen sich Lack und Ölfarbe ab. Durch das Verdrängen der Stoffe vermischen sie sich aber wiederum und hinterlassen somit Spuren auf der „Kupfermatte“. Die Trägerfläche bildet ein Gemälde ab, das Bezug auf die Performance nimmt und Bewegungsabfolgen darstellt.

Für alle Schwierigkeiten des alltäglichen Lebens finden sich Lösungsvorschläge. Ratgeberliteratur bietet massenhaft lösungsorientierte Maßnahmen, mit denen wir dem Alltagsstress entkommen, schöner Leben, uns dem Minimalismus annähern oder uns fit und in Form halten können. Warum sollte es jedes Jahr hunderte Neuerscheinungen geben, wenn einer dieser Ratgeber tatsächlich funktionieren würde? Das System ignoriert beziehungsweise. negiert sogar, dass diese Art von Suggestion einer Beeinflussung mündiger Menschen nahekommt und fast faschistoide Züge und Formen diverser Beschäftigungstherapien annimmt. Leistungsgedanken, toxische Männlichkeit oder Motivationsfloskeln finden sich auf diversen digitalen Kanälen ebenso wie im realen Leben. Das eigene Leben muss nicht mehr selbst gestaltet werden, hierfür gibt es Anleitungen. Der selbstbestimmte Mensch rückt immer mehr in den Hintergrund. Die Frage, ob dieser neue Lifestyle privilegiert und vermessen ist, treibt David Meran an, das Thema künstlerisch zu untersuchen. Seine Einzelausstellung bezeichnet er als ein Gedankenexperiment, die Videoarbeiten werden als Ergänzung zu den Skulpturen gesehen. Durch den leistungsgetriebenen Ansatz können heute schon Podcasts und Videos um ein Viertel schneller abgespielt werden. Das Vermögen, Langsamkeit auszuhalten möchte David Meran in seiner zweiteiligen Video- und Podcast-Installation Higher Self und Wie FIT bist du wirklich? (2020) vorantreiben. Das Video eines Life-Coaches zu den Themen Erfolg und Reichtum mit halber Geschwindigkeit abgespielt, der Podcast zu Mediation und Entspannung doppelt so schnell.

Wesentlich für Merans skulpturale Arbeiten sind die Verlebendigung, aber auch das Entschleunigen sowie die De- beziehungsweise Entmaterialisierung von Objekten und deren ursprünglichen Inhalten. Dies wird in der Installation Three empty Sandbags (2020) verdeutlicht. Hierfür installiert der Künstler einen Kubikmeter Sand mit fluoreszierendem Pulver in der Galerie. Darüber werden drei Sandsäcke aus unterschiedlichen Materialien und Zeiten arrangiert. Ein Kinderboxsack, ein Boxsack aus den 1930er-Jahren sowie ein zeitgenössischer Boxsack aus Kunststoff hängen entleert und schlaff von der Decke. Die Sandfläche erinnert an die japanische Gartenkunst und -kultur, in der Sand ein symbolträchtiges Material ist – sinnlich steht er für Wasser und kontrollierte sowie unkontrollierte Natur. Die gezogenen Linien stellen Wellen dar.

Fitnessgeräte und -utensilien werden in der Ausstellung auf ihre ästhetische Optik untersucht. Bauchmuskeltrainingsgeräte werden mit Knetbeton überzogen, kupferfarbene Metallflocken in den Beton eingearbeitet. Glass Dumbbells (2020) untersucht die Ästhetik von Hanteln. Die Materialität, unter anderem von mundgeblasenem Glas, verleiht den ausgestellten Kunstwerken somit eine außergewöhnliche Poesie und die Aura von Designobjekten. Die Wirkung entzieht sich dem eigentlichen alltäglichen Gebrauch.

Proteinsäcke und Proteinshakepulver, das unterstützend das Volumen von menschlichen Körpern verändern kann, bieten spannende künstlerische Ansatzpunkte. Der Inhalt der Säcke und die Plastikverpackungen der Fitnessshakes werden mit Beton und dem eigentlichen Pulver abgegossen. Die Objekte der Serie Muscles of Protein Powder (2019) erinnern an Urnen oder entleerte Gefäße der griechischen Antike. Durch das Vermischen der Stoffe sind sie filigran, werden sich weiter verändern, nicht nur in Optik, Oberfläche und Farbe, auch der Geruch der Pulver – Banane, Vanille, Schokolade, Multivitamin – entschwindet. Die Natürlichkeit der Objekte verleiht ihnen eine archäologische Aura von Zeitlichkeit und Vergänglichkeit. Atome und Moleküle, für unsere Augen nicht sichtbar, lösen sich mit der Zeit auf und werden in den Werken in Form und Material gefasst. Die eigentliche Beschaffenheit der Objekte existiert nicht mehr, jedoch erinnert die Erscheinung noch an die ursprüngliche Nutzung.

Themen aus der Kindheit, Erinnerungen an banale Verpackungsmaterialen kommen in Merans Arbeiten immer wieder vor. So auch die Erinnerung an das Kakaotrinken und den Wunsch, stark zu werden, wenn dieser Zaubertrank getrunken wird. Eben diesen konkreten Wunsch nach körperlicher Veränderung versinnbildlicht die Arbeit Muscles of Chocolate (2019), geformt aus ungenießbarem Material.

Yogamatten werden in einer weiteren Serie, Untitled (but solid and smooth) Yoga Mats (2019), zum künstlerischen Objekt. In Kombination mit dem Material Beton werden sie gefaltet, gerollt und durch den Betonsockel zu aufrecht stehenden antiken Stelen abstrahiert, die wiederum ästhetische und poetische Empfindungen auslösen. Die Farben stammen aus dem gleichen Farbspektrum, wirken harmonisch. Das ehemalige Sporttextil wird auf Podesten mit Spiegeln präsentiert, ob seines „Stehvermögens“ getestet.

Wesentliche Impulse in der Bildhauerei wurden schon Mitte des 20. Jahrhunderts gesetzt und somit neue Gestaltungsformen und Verwendungen neuer Materialien eingeführt. Merans materialbezogenes Arbeiten verlangt eindeutig Mut, da seine Objekte ein Eigenleben entwickeln, in das der Künstler nicht mehr verändernd eingreifen kann. Die Arbeiten sind ironisch-entlarvend, niemals aber moralisierend oder belehrend. Spannend ist der Erstkontakt der Betrachter_innen mit seiner Kunst. Das erforschende, fragende und neugierige Wahrnehmen des Materials – meist wird danach die intellektuelle und inhaltliche Ebene wahrgenommen.

Körper bedeutet für Meran Masse, und Masse wird verschoben. Somit ist der menschliche Körper das menschlichste Medium, das radikal verändert werden kann. Soziale und kulturelle Vorgaben leiten uns an, in unsere körperliche Integrität einzugreifen. David Meran schafft es, eine eigene Form der künstlerischen Sprache zu entwickeln und Produkte der Fitness- und Lifestyle-Industrie in neue Materialkontexte zu überführen. Die Werke verweisen intellektuell und doppeldeutig auf eine Industrie, die nicht daran interessiert ist, uns Lösungsvorschläge für ein besseres Leben zu bieten, sondern Millionengeschäfte anzukurbeln.

Martina Pohn, Januar 2020

 

Veranstaltungstermine:

DATE THE ARTIST
Freitag, 13. März 2020, 16 Uhr, Workout – Artist Talk mit David Meran
Samstag, 14. März 2020, 11 Uhr, Workout – Artist Talk mit David Meran

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